badehaus neuwaldegg
 

Text: Jürgen Eicher Deutsche Bauzeitung

Die Architektur - das gebaute Haus - wird oft als dritte Haut bezeichnet. Alle drei Häute, die biologische und die beiden künstlich geschaffenen, erfüllen Schutzfunktionen. Der Mensch an sich ist nicht gern unverhüllt. Er sucht Schutz vor Witterungseinflüssen, Schutz vor Störung seiner Intimsphäre und Schutz vor Angriffen durch Feinde. Die Wertigkeiten der Schutzbedürfnisse verändern sich ständig und sind einer gesellschaftlichen und individuellen Entwicklung unterworfen. Die Reduktion der Schutzfunktionen in der Architektur auf das Wesentliche, ist an Gebäuden festzumachen, die nur eben diese Funktion erfüllen. In der Kleingartensiedlung in Wien Neuwaldegg, abseits der Großstadt und fern jeder infrastrukturellen Erschließung, ist auf einer 928 m² großen, langgestreckten Parzelle ein solches Gebäude entstanden. Die Bauordnung bestimmt Größe und Ausstattung und auch den Namen 'Badehütte' vor, denn im Wald- und Wiesengürtel um die Stadt Wien ist lediglich die Errichtung solcher Badehütten erlaubt, auch wenn  sich weit und breit keine Gewässer zum Baden vorort befindet. Der Gesetzgeber dachte da wohl eher an das Sonnenbaden. (nicht mehr aktuell in Bauordnung)

Der Architekt Georg Marterer baute für die Familie Kretschy so eine Badehütte in einem flexiblen Modulsystem: quadratischer Raster in Grund- und Aufriss (2,20mx2,20m), jederzeit und in jede Richtung beliebig erweiterbar. Im jetzigen Zustand misst sie etwa 22m². Dass der Architekt hier 'baute' ist wörtlich zu verstehen, denn Georg Marterer setzte die Hütte eigenhändig zusammen. Die Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz wird mit Tauen unprätentiös ausgefacht. Einfache Details zeigen konsequent und offen die Abtragung der Lasten und lassen keinen Zweifel an der Möglichkeit einer jederzeitigen Demontage. Das ungehobelte Holz wird im Laufe der Jahre eine silbergraue Patina ansetzten und das Gehäuse mit der Natur eins werden lassen. Die Wände aus horizontal parallel verlaufenden Latten bieten den notwendigen Schutz vor Wind und Regen, aber auch - und vor allem - vor unliebsamen Einblicken. Das Aluminium-Wellblechdach gibt den nötigen Schutz gegen den freien Himmel.
Die Badehütte steht quer zum langgestreckten Grundstück. Eigentlich steht sie nicht, vielmehr schwebt sie. Die Pfosten sind über Stahlstifte in eine kleine Fundamentplatte eingelassen, der Boden aus sägerauen Dielen ist abgesetzt vom Rasen und ermöglicht ausreichende Belüftung. Der quergestellte Riegel trennt das Grundstück in einen halböffentlichen 'Vorgarten' und einen abgeschiedenen, ganz privaten Bereich. Ein Kiesweg, in seinen Abmessungen dem Modulsystem angeglichen, führt unter der Badehütte hindurch. An seiner Schnittstelle mit der Hütte ist das Gebäude völlig offen belassen und bildet auf diese Weise erst das Eingangsportal zum Garten. Wie ein Bild rahmt die Konstruktion das Grün im Hintergrund. Die beiden mittleren Module sind zum Erschließungsweg komplett, zum Garten hin brüstungshoch geschlossen. Hier befindet sich der eigentliche Aufenthaltsbereich, geschützt gegen die Öffentlichkeit jedoch offen für die Natur. Das vierte Modul ist komplett mit Latten geschlossen und innen zusätzlich verglast. Der würfelförmige Raum bietet Platz zum unterstellen von Gerätschaften und Möbeln.   Die extrem niedrigen Baukosten von 2180 Euro und die erwähnte Flexibilität könnten die problemlos montierbare Badehütte zu einem Prototyp werden lassen. Die im besten Sinne einfache Form reduziert die Funktion auf ein Minimum und erreicht in deren Erfüllung ein Maximum. Die hohe ästhetische Qualität lässt hoffen, dass die Beauftragung von Architekten mit derart minimalen Bauaufgaben Schule macht. Das Engagement der Bauherrn in Sachen Architektur ist in Kleingartensiedlungen und Wochenenddomizilen äußerst rar. Sehen doch die meisten Gebäude dieser Gattung aus wie Miniaturen von Bauernhöfen oder mediterranen Villen. Umso erfreulicher, dass unweit der Badehütte der Architekt Georg Marterer die Möglichkeit bekommen hat, ein Wochenendhaus zu bauen, das ähnlich strengen Prinzipien folgt und sich mit seiner Stahlskelettkonstruktion angenehm von den umliegenden Bauten unterscheiden wird.

fotos: georg marterer